Sonntag, 29. Mai 2011
08.Mai 2011
So, es ist wohl Zeit, wieder mal etwas von mir lesen zu
lassen.
Nach einer etwas abenteuerlichen Anreise am 17./18. März
(ich bin über Kapstadt geflogen, hatte dort nur etwa anderthalb Stunden Zeit,
mein Gepäck aus einer AIR-Berlin-Maschine in ein Flugzeug der South-African-Airlines
umzuladen) bin ich jetzt schon wieder fast ein viertel Jahr hier.
Hier angekommen hatte ich erstmal einen zusätzlichen Tag
frei, da der 21.03. (Tag der
Menschenrechte) in Südafrika Feiertag ist (na immerhin). Auch der 2. Mai war
hier Feiertag, da der 1. Mai auf einen Sonntag fiel und es gesetzlich
vorgeschrieben ist, dass in einem solchen Fall, wenn also ein Feiertag auf
einen Sonntag fällt, der darauf folgende Montag arbeitsfrei ist. Und am 18. Mai
waren landesweite Kommunalwahlen und ebenfalls arbeitsfrei.
Unser Finanzierungsproblem ist immer noch nicht endgültig
gelöst. Inzwischen hat uns das Health Department der Provinz Free State
immerhin die Finanzierung der Medikamenten- und Laborkosten zugesichert. Bezüglich der übrigen laufenden Kosten ist es
leider noch zu keiner Lösung gekommen. Es gibt zwar viel versprechende Kontakte
zu einer südafrikanischen Bank und der staatlichen Lotteriegesellschaft. Die
Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die
Nachfolgeorganisation des Deutschen Entwicklungsdienstes, hat auch
Unterstützung in der Form zugesagt, dass sie auf den Betrag, den wir von einem
südafrikanischen Privatunternehmen erhalten, noch mal den gleichen Betrag
drauflegen würde. Aber im Moment sieht es eben noch so aus, dass sie auf 0 Rand
0 Rand drauflegen.
Für die nächste Zeit wird es erstmal so geregelt sein, dass
die einheimischen Mitarbeiter Monatsverträge bekommen und wir halt hoffen
müssen, dass genügend Einzelspenden für die Entlohnung zusammenkommen. Wie lange das gut geht, kann
natürlich keiner sagen, aber wir sind optimistisch (was bleibt uns auch anderes
übrig?), noch einen gütigen Spender zu finden
An den Wochenenden war ich auch wieder mit dem Fahrrad
unterwegs. Am Karfreitag habe ich es im zweiten Versuch bis nach Fochville
geschafft – 50 km ziemlich hügelige Strecke hin und dann überwiegend bergab
wieder zurück. Bin auf dem Rückweg dann auch noch in ein Gewitter geraten und
habe nasse Füße bekommen. Der erste Versuch war gescheitert, weil mir nach 35km
ein liegengebliebener Nagel ein Loch in meinen Hinterreifen gestanzt hat und
ich kein Flickzeug dabeihatte. Anfang Mai habe ich dann die Tour wiederholt,
die ich am 4. Adventssonntag vorzeitig abbrechen musste. Da es diesmal nicht so
heiß war, habe ich die 90km Buckelpiste geschafft.
Inzwischen ist es hier richtig Winter geworden. Nachts
sinken die Temperaturen bis um 0°C; heute früh war auch wieder Rauhreif zu
beobachten. Tagsüber wird es dann meist erträglich, wenn die Sonne scheint. Deshalb
sitzt man hier im Winter tagsüber auch eher draußen, weil es da wärmer ist als
in den Häusern. Dem Wetter entsprechend sind Mantel, Mütze, Schal und
Handschuhe hier zur Zeit normal und werden auch innerhalb der Clinic tagsüber
getragen, da die Ausstattung mit Heizgeräten eher lückenhaft ist und Fenster
und Türen die meiste Zeit offen stehen, um die Tuberkulose-Ansteckungsgefahr zu
senken („fresh air fights TB“). Natürlich leiden gerade unsere
immungeschwächten Patienten unter Erkältungskrankheiten; in den letzten Wochen
habe ich literweise Hustensaft und kiloweise Antibiotika verordnet.
Schmerzmittel gibt es zur Zeit nicht, da der südafrikanische Paracetamol- und
Ibuprofenmarkt leergefegt ist – die einheimischen Pharmaunternehmen sehen sich
ausserstande, zu liefern, und unsere Reserven sind aufgebraucht. Wenn ich das
den Patienten erkläre, reagieren sie meist mit verständnisvollem Nicken – es
ist offensichtlich nicht das erste Mal.
Zum Schluß noch ein Paar erfreuliche Bilder von Badirile und Katleho. Badirile ging es eine zeitlang wieder ziemlich schlecht, aber nachdem wir seine antiretroviralen medikamente umgestellt haben, macht er sich wirklich gut. 
Sonntag, 30. Januar 2011
30.01.2011
Was im neuen Jahr
schon so alles passiert ist:
Nach meinem Kurzurlaub
zum Jahreswechsel erstmal nicht allzu viel. Ich habe mich in dem „neuen“ Haus
einigermaßen eingerichtet, und nach einigen Renovierungsmaßnahmen ist es jetzt
auch ganz annehmbar. Es gibt warmes und kaltes Wasser, Fenster und Türen lassen
sich schließen und das Dach hat insgesamt nur 4 Löcher, durch die es allerdings
nur bei starkem Dauerregen (den wir hier in den letzten Wochen allerdings ein
paar mal hatten) tropft. Eines befindet sich über dem Flur, das zweite über der
Küche (man muß dann beim Essen aufpassen, dass der Teller nicht ungünstig
platziert ist) und zwei über dem Wohnzimmer. Da der Fußboden im Wohnzimmer
(neu) gefliest ist, ist das dort auch nicht weiter schlimm.   
Mit der
Stromversorgung hatten wir Anfang Januar ein kleines Problem, da Stefan während
seines Besuches hier kraft seiner Elektriker-Kompetenz einen Blick hinter die
Abdeckung des Stromzählers werfen wollte. Das Besondere an den südafrikanischen
Stromzählern ist, dass 1. Siemens draufsteht und 2. die Stromkosten nicht nach
Verbrauch in Rechnung gestellt werden, sondern das Ganze nach dem
Prepaid-System funktioniert. Das heißt, man muß an einer bestimmten Tankstelle
oder in den Verkaufsbüros der Stromgesellschaft einen mit einem Nummerncode
versehenen Bon zum Preis von 100 oder 200 Rand (etwa 10 bzw. 20 €) käuflich
erwerben. Den Code gibt man dann über eine Tastatur am Zähler ein und kann dann
an einer Anzeige verfolgen, wie die erworbenen Kilowattstunden (der Preis liegt
bei etwa 1 Rand/kWh) weniger werden. Wenn der Zähler bei Null angekommen ist,
wird es dunkel, und der Kühlschrank geht aus. Naja, dem Problem unbeglichener Stromrechnungen geht der Versorger damit
jedenfalls eindeutig und hundertprozentig aus dem Weg.
Was wir zum
Zeitpunkt unserer Bastelei nicht wussten, ist der Umstand, dass die Zähler mit
einer speziellen Vorrichtung dagegen geschützt sind, unbefugt geöffnet zu
werden. Da sich keine Plombe oder auch nur ein Hinweis darauf irgendwo befand,
haben wir zwar noch kurz überlegt, dann aber in der Annahme, dass Siemens zu
solch technischer Raffinesse eh nicht in der Lage ist, den Schraubenzieher
angesetzt. Nach anderthalb Umdrehungen ging dann das Licht aus – power cut. Da
war dann guter Rat teuer – genau genommen 750 Rand, die wir an die Municipality
als Strafzahlung abdrücken mussten. Aber damit war es noch nicht ausgestanden –
um den Zähler zurückzusetzen, musste noch die Stromzufuhr zum Haus unterbrochen
werden. Der Elektriker, den wir dann am nächsten Tag engagiert hatten, wollte
sich auch darum kümmern – hat er auch gemacht. Etwa 2 Stunden später tauchte
dann ein Pick up der Municipality mit drei etwas missgelaunten Gemeindemitarbeitern
auf, die, nachdem ich ihnen wie abgesprochen erklärt hatte, dass unser
Elektriker Reparaturen an der Elektroanlage vornehmen wolle, den entsprechenden
Schalter am Strommasten betätigten und dann wieder verschwanden. Kurze Zeit
später tauchte dann Ian, unser Elektriker auf, und erklärte mir, dass die
Municipality inzwischen die Regeln für solche Instandsetzungsmaßnahmen geändert
habe und dass er den Code, der für die Rücksetzung des Zählers erforderlich
sei, nicht erhalten habe. Dann hat er mir noch erklärt, dass wir das Problem
anders lösen müssen und den Zähler kurzerhand überbrückt. Jetzt bestand noch
die einzige Schwierigkeit darin, dass die Municipality den Schalter am
Versorgungsmasten wieder einschalten musste. Das hat Ian dann noch in die Wege geleitet, bevor er wieder verschwand.
Als die drei Herrschaften wieder auftauchten, hatten sie wohl den Braten
gerochen und behaupteten zunächst, dass es beim Umlegen des Schalters einen
Lichtbogen gegeben habe, was auf einen Kurzschluß und damit eine fehlerhafte
Installation zurückzuführen sei, und verlangten Zutritt zum Haus, um selbst
nach dem Rechten zu sehen. Glücklicherweise war ich selbst nicht vor Ort,
sondern hatte Jafta, unseren Fahrer und guten Geist, geschickt, um zu sehen,
was los ist. Ihm war sofort klar, worum es geht, so dass er mit der Behauptung,
keine Schlüssel zum Haus zu haben, erstmal verhindert hat, dass eine solche
Überprüfung stattfand. Als dann Ian wieder auftauchte und den Gemeindedienern
noch mal bestätigte, dass er notwendige Instandsetzungsarbeiten durchgeführt
habe, willigten sie ein, es noch mal zu versuchen – und siehe da – kein
Lichtbogen, der Kurzschluß war wie von Geisterhand behoben. Ian bat mich dann,
ihn etwa zwei Wochen später noch mal anzurufen und ihn daran zu erinnern, dass
er einen anderen Zähler einbauen wollte. Das habe ich vorige Woche auch getan,
aber er hat mir gesagt, dass er zur Zeit wahnsinnig viel zu tun habe und dass
er sich wieder melden werde. Also beziehen wir unseren Strom jetzt erstmal
weiter gratis und warten ab, was noch so passiert. Vielleicht werden wir ja in
ein paar Monaten alle wegen Stromdiebstahls verhaftet o.s.ä.
An der Clinic war
zunächst alles wie im letzten Jahr – etwa 1/3 der neu HIV-positiv getesteten
Patienten weisen eine Verminderung der T4-Helferzellen auf unter 200 Zellen/µl
auf, so dass man davon ausgehen muß, dass ihr zelluläres Immunsystem weitgehen
funktionsuntüchtig ist. Die meisten kommen dann auch schon mit entsprechenden
Symptomen – Hautinfektionen, schwerer Pilzbefall des Rachens und der
Speiseröhre, Anzeichen für Lungen-TB, extremer Gewichtsverlust (body-mass-Index
zwischen 10 und 14). Man fragt sich da schon immer wieder, wieso die Patienten
es überhaupt soweit kommen lassen. Die Antwort auf diese Frage ist sicherlich
von Fall zu Fall etwas verschieden, aber die Angst vor Stigmatisierung und der
Gewissheit, auf lebenslange Behandlung einer sonst tödlich verlaufenden Krankheit
angewiesen zu sein, dürfte wohl bei den Erwachsenen immer eine Rolle spielen.
Warum es auch bei Kindern oftmals lange dauert, bis sie überhaupt getestet
werden, lässt sich wohl noch viel schwerer beantworten. Immerhin werden viele rechtzeitig, also mit
noch intaktem Immunsystem, gebracht, wenn Eltern oder Bezugspersonen den
Verdacht auf Ansteckung haben. Dieser ergibt sich in den meisten Fällen dann,
wenn bei den Eltern HIV festgestellt wird. 
Aber es
kommt eben immer wieder vor, dass auch
Kinder fast schon im Endstadium der AIDS-Erkrankung sind, bevor sie zur
Behandlung zu uns gebracht werden. So wie der kleine Badirile, ein 9 Jahre
alter und 12! kg schwerer Junge. Er hatte schon eine ziemlich lange
Krankengeschichte mit ständigen Durchfällen und starkem Gewichtsverlust hinter
sich, bevor er im letzten November bei uns positiv getestet wurde. Wir haben
dann entschieden, so schnell wie möglich mit der antiretroviralen Behandlung zu
beginnen, was dann aber erst Mitte Januar, als die Erkrankung bei ihm sichtbar
weiter fortgeschritten war, möglich wurde.
Am vorletzten
Freitagnachmittag hat ihn dann seine Mutter erneut zu uns gebracht. Seit Anfang
letzter Woche ging es ihm zunehmend schlechter, er musste ständig erbrechen und
verfiel zusehends. Die Mutter berichtete uns, dass sie erst so spät komme, weil
sie gedacht hatte, mit den neuen Tabletten werde es ihm schon bald wieder
besser gehen. Jedenfalls war er jetzt mehr tot als lebendig. Der Durchfall
hatte aufgehört, das lag aber wohl am ehesten daran, dass es keine Flüssigkeit
mehr gab, die er so hätte ausscheiden können. Nachdem er dann eine Infusion
bekommen hatte, war er zumindest wieder vollständig bei Bewusstsein, aber wir
standen vor dem Problem, was jetzt weiter mit ihm geschehen sollte. Eigentlich
gehörte er natürlich in´s Krankenhaus, möglichst eine Kinderintensivstation.
Aber woher nehmen – ihn in das Krankenhaus hier in Parys zu schicken, ergab von
vorneherein keine Sinn, da es dort keinen Kinderarzt und am Wochenende meist
überhaupt keinen Arzt gibt, von pädiatrischer Intensivversorgung mal ganz
abgesehen. Die nächste große Kinderklinik befindet sich in Potchefstroom, also
nur 50 km von hier. Aber Potchefstroom ist eine andere Provinz und daher nicht
zuständig. Die nächste zuständige Klinik wäre Kroonstadt (ca. 90 km von hier), aber dort verlangt man eine
ärztliches Verlegungsschreiben des örtlich zuständigen Krankenhauses, also des
am Wochenende nicht ärztlich besetzten Parys Hospital. Wir haben dann
entschieden, das Kind über das Wochenende erstmal selbst zu behandeln und ihn am Samstag und am Sonntag durch unseren
Fahrer in die Clinic bringen lassen. Damit schien er sich auch erstmal zu
stabilisieren, bevor er dann am Montag wieder schlechter wurde, ständig erbrach
und noch ausgetrockneter war als am Freitag. Nachdem ich mich dann noch mal mit
unserer Sister Laurette beraten habe, haben wir uns dann entschieden, ihn mit
unserem Jetta in die Kinderklinik nach Potchefstrom zu bringen. Zu Hilfe kam
uns dabei, dass die Mutter in Potchefstroom Bekannte hat, so dass sie angeben
konnte, dort zu Besuch zu sein – die Mindestvoraussetzung, um das Kind dort
aufnehmen zu lassen. Das hat dann auch funktioniert – hoffentlich nicht zu
spät.
Vor dem
Hintergrund gerade einer solchen Geschichte ist es natürlich doppelt schwer zu
akzeptieren, was uns die Südafrikanische Katholische Bischofskonferenz SACBC in
einem Schreiben vom 18.Januar mitgeteilt hat. Dieses lautet frei übersetzt wie
folgt:
„An die
Projektkoordinatoren und die am Projekt beteiligten Mitarbeiter
Der Vertrag
zwischen Ihrer Clinic und dem SACBC-AIDS-Office, das von der PEPFAR (Presidents
Emergency Plan for AIDS Relief – US-amerikanisches AIDS-Hilfsprojekt)
finanzierte Projekt zur AIDS-Behandlung betreffend wird im Mai 2011 auslaufen.
Hiermit teilen
wir Ihnen mit, dass der Vertrag in dem im Juni 2011 beginnenden neuen
Geschäftsjahr nicht erneuert werden wird. Wir bedauern diesen Umstand, aber wir
sind finanziell nicht in der Lage, das Programm fortzusetzen.
Das
SACBC-AIDS-Office wird sie dabei unterstützen, die Patienten in die lokalen
Einrichtungen des staatlichen Gesundheitswesens zu überweisen.
Das
SACBC-AIDS-Office wird sie ebenfalls dabei unterstützen, die notwendigen, von
der US-Regierung geforderten Maßnahmen
zur Schließung Ihrer Clinic zu treffen. Diese Maßnahmen schließen die
Entsorgung von Ausstattungsgegenständen ein.
Die nächsten
Monate werden allen von uns Einiges abverlangen, und ich ersuche alle
Beteiligten, die vor uns liegenden Anforderungen im Interesse der Patienten,
denen wir dienen, im Geist der Kooperation zu meistern.
Ergebenst
Sister Alison Munroe
Director des SACBC AIDS Office“
Und hier das
Ganze nochmal im Original, weil es so eindrucksvoll ist:
18. January 2011-01-25
To site-co-ordinators and project staff
The contract regarding the PEPFAR-funded treatment
project between your site and the SACBC AIDS Office will end in May 2011.
This serves to inform you that the contract will not
be renewed in the new financial year from June 2011. We regret this move, but are not in the financial position to
continue with this programme.
The SACBC AIDS Office will assist you regarding the
transfer of patients to local Department of Health facilities.
The SACBC AIDS Office will also assist you with all
the necessary close-out procedures expected by the US
government. These procedures include the disposal of equipment.
The next few months will make demands on all of us,
and I request that we all pull together in a spirit of co-operation for the
good of all the patients we serve.
Yours sincerely
Sr Alison Munroe
Director, SACBC
AIDS Office”
Im Klartext heißt
das für uns, daß die Finanzierung der anti-Aids-Medikamente für 500 der
inzwischen 750 AIDS-Patienten, die Bezahlung der zusätzlichen Medikamente
(„side medication: Antibiotika, Schmerzmittel, Vitamine), Laborkosten und nicht
zuletzt sämtliche Personalkosten ab Juni
nicht mehr gesichert ist. Fast schon zynisch mutet das Angebot an, uns beim
Transfer unserer Patienten an die örtlichen Einrichtungen des staatlichen
Gesundheitswesens behilflich zu sein. Die gibt es hier nämlich schlicht und
ergreifend nicht, und die wird es auch bis Juni definitiv nicht geben. Das heißt also, wenn wir keine andere
Finanzierungsmöglichkeit finden, werden einige hundert unserer Patienten in diesem
Jahr an AIDS sterben.
Letztendlich ist
die Kürzung der vom Hauptsponsor des Anti-AIDS-Programmes der SACBC gezahlten
Mittel für diese Kündigung verantwortlich. Wir können zwar noch lange
spekulieren, warum es ausgerechnet uns (und noch 4 weitere)
Therapieeinrichtungen trifft, was aber letztendlich auch nicht weiterhilft.
Angeblich ist es der Umstand, dass wir als eine der letzten Einrichtungen in
das Programm aufgenommen wurden und das wir nur eine kleine, unbedeutende
Clinic sind. Nun ja, die betroffenen Patienten werden, was den letzten Punkt
angeht, wohl anderer Meinung sein.
Wir stehen nun
also vor der Aufgabe, für die laufenden Kosten von immerhin etwa 250000 € (pro
Jahr) andere Finanzierungsmöglichkeiten zu finden. Einen ersten Schritt in
diese Richtung hatten wir ja schon im Dezember unternommen, als es „nur“ um die
Erstattung der Medikamentenkosten für die „überzähligen“ (also die das von der
Bischofskonferenz gesetzte Limit von 500 Patienten übersteigenden) Patienten
ging. In Verhandlungen mit dem Gesundheitsministerium der Provinz Free State
hatten wir von dort die Zusage erhalten, für die Bezahlung sämtlicher
anti-AIDS-Medikamente aufzukommen. Zu diesem Zeitpunkt schien es noch möglich
zu sein, die von der Bischofskonferenz für 500 Patienten gezahlten Mittel
umzuwidmen, so dass wir dann auch genug Geld für weiteres Personal (z.B. eine
Krankenschwester) und den entsprechend der gestiegenen Patientenzahl auch
gewachsenen Bedarf an „side medication“ und Laboruntersuchungen zu finanzieren.
Diese Möglichkeit besteht nun nicht mehr, aber dem Gesundheitsministerium des
Free State muß natürlich klar sein, dass eine Bereitstellung allein von
antiretroviralen Medikamenten für die Gewährleistung einer Anti-AIDS-Behandlung
nicht ausreicht und dass es letztendlich die billigste Lösung wäre, die von der
Thabang-Society geschaffene und betriebene Infrastruktur weiter zu nutzen bzw.
darauf aufzubauen. Zumal es ja inzwischen zumindest eine halbe Zusage des
bundesdeutschen Entwicklungshilfeministeriums gibt, einen Kliniksneubau zu
finanzieren (den es natürlich auch nur geben wird, wenn die Finanzierung der
laufenden Kosten zumindest mittelfristig gesichert ist). Dabei wagen wir
allerdings kaum zu hoffen, dass das Free-State-Government sämtlich Kosten
übernimmt, und sind also auch noch dabei, uns anderweitig um Spender hier und
in Deutschland zu bemühen.
Die Bemühungen um
eine Lösung unseres Finanzierungsproblems haben sich inzwischen mehr oder
weniger zum Vollzeit-Job für Almud entwickelt, so dass die Abwicklung des
„operativen Geschäfts“ in der Klinik mir überlassen ist. Am Freitag hat sich auch unsere Sister in den
Ruhestand verabschiedet, und an eine Neueinstellung ist zur Zeit natürlich auch
nicht zu denken. Das bedeutet für mich, dass ich in der nächsten Zeit wohl
meist der einzige medizinische Fachangestellte an der Clinic sein werde – ein
bisschen Übung darin habe ich ja schon, war ja im Dezember auch einige Wochen
auf mich allein gestellt.

Und im Februar
werde ich auch mal eine Pause einlegen – am 22. Februar fliege ich über London
nach Frankfurt. Mal sehen, ob ich noch ein bisschen was vom Winter mitbekomme
und wie es sonst so in Germany ist. Werde mich vorher noch mal (kürzer) hier zu Wort
melden.
Sonntag, 9. Januar 2011
Nachdem Weihnachten und der Jahreswechsel nun überstanden
sind, ist es wohl Zeit, wieder mal von mir hören zu lassen.
In der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr war die Clinic
nur für Notfälle geöffnet. Die meisten der Counceller hatten Urlaub, und vom
30.12. – 04.01. hatte ich auch ein paar freie Tage. Habe am 30. Stefan vom
Flughafen in Johannesburg abgeholt und bin mit ihm dann in den
Krüger-Nationalpark aufgebrochen. Die Fahrt dorthin war etwas anstrengend. Es
fing damit an, dass die Autovermietung (Europcar) in Vanderbiljpark, wo ich
über Internet ein Auto gemietet hatte, umgezogen war, ohne das auf der
Firmen-Website zu erwähnen. So habe ich mit Jafta, der mich im
Krankentransport-Jetta dorthin gefahren hat, erstmal anderthalb Stunden gesucht
habe, bis wir dann die Europcar-Niederlassung in Vanderbiljpark gefunden
hatten. Aber immerhin war meine Bestellung dort bekannt, sogar dass ebenfalls
georderte TomTom-Navi war vorhanden, so dass ich dann etwas verspätet in
Johannesburg am Oliver-Tambo-International-Airport ankam. Auf dem Weg nach
Skukuza, dem größten Camp im Krüger-Nationalpark, sind wir dann ein paar Mal in
schwere Gewitter gekommen, so dass wir streckenweise nur 40 – 60 km/h schnell waren. Wir haben es
dann gerade noch rechtzeitig zum Paul-Krüger-Gate geschafft, etwa 15 min später
wäre Torschluß gewesen. Gleich am Eingang sind wir dann von einem Elefanten
begrüßt worden. Am 31.12. mussten wir dann um 03:00 Uhr aufstehen, da ein sunrise-drive
vorgesehen war. Es hat sich aber gelohnt, so früh aufzustehen, da wir kurz nach
Sonnenaufgang auf ein Rudel Löwen (etwa 20) gestoßen sind, die es sich auf der
Straße, die wir gerade entlangfuhren, bequem gemacht hatten. Beim Frühstück im
Freisitz der Lodge ist dann noch ein Flusspferd an uns vorbeigeschwommen.
Die zweieinhalb Tage im Nationalpark waren sehr
beeindruckend, natürlich viel zu kurz, aber wenn es passt, werde ich wohl noch
mal vorbeischauen.
    
Mittwoch, 29. Dezember 2010
Es wird Zeit, wieder mal etwas von mir lesen zu lassen.
Zunächst erstmal an alle, deren Weihnachtsgrüße mich
erreicht haben und denen ich nicht persönlich geantwortet habe, vielen Dank
dafür.
Weihnachten in Südafrika ist schon etwas anderes als zu
Hause – in diesem Jahr natürlich besonders, wo es mit dem Winterwetter
einschließlich einer offensichtlich nicht zu vernachlässigenden Menge Schnee so
gut geklappt hat.
Im townchip hat Weihnachten weniger den Charakter eines
Familienfestes, wenn man diese europäische Vorstellung überhaupt auf die
hiesigen Verhältnisse übertragen kann. Jafta hat mir erzählt, dass am 1.
Feiertag (Christmas Day) im gesamten townchip das Bier ausverkauft war und dass
die Kneipiers in diesem Jahr reich geworden sind. Es hatte wohl eher etwas von
einem Festival einschließlich der mit so einem Ereignis einhergehenden
negativen Begleiterscheinungen. Nun ja. Ich habe davon eh nicht viel
mitbekommen. Wir hatten am Heiligabend die Clinic noch bis nachmittags gegen 3
geöffnet, und es war auch noch gut zu tun. Danach hatte ich dann mit meinem
erneuten Umzug zu tun. Ich bin von Mr. Dimapes lauschiger Ferienanlage wieder
zurück nach Parys gezogen in ein von Thabang gemietetes Haus, das wohl in den
letzten Jahren nicht bewohnt war und sich im entsprechenden Zustand befand.
Immerhin ist neben ein paar Renovierungsarbeiten auch ein neues Bad eingebaut
worden. Aber es hat trotzdem noch einiges Aufwandes bedurft, um das Ganze
erstmal in einen bewohnbaren Zustand zu versetzen. Abends gegen 9 hat sich dann
der harte Kern der Thabang Society noch zum Weihnachtsessen zusammengefunden,
bevor ich dann ziemlich müde in´s Bett bin. Am 25. gab es dann auch noch
einiges zu tun, vorwiegend Aufräumungs- und Reinigungsarbeiten. Naja, is halt
nicht leicht, das Leben als Entwicklungshelfer.
Am 2. Feiertag hab ich mich dann ausgeruht, gelesen und
geschlafen. Am Montag ging es in der Clinic weiter. Es soll in der Woche
zwischen Weihnachten und Neujahr zwar eigentlich nur eine Notversorgung
stattfinden (also für Patienten, denen es gerade sehr schlecht geht oder denen
plötzlich die Medikamente ausgegangen sind), aber irgendwie sind wohl doch
einige Termine vergeben worden, so dass gut zu tun war.
Ein Highlight (im negativen Sinne) war ein junger Mann (Abram), den
ich am Heiligabend in´s Krankenhaus zum Brustkorb-Röntgen geschickt hatte, weil
ich den Verdacht auf eine Lungenentzündung hatte. Das hat sich im Röntgen nicht
bestätigt, da er aber vom Röntgen allein auch nicht gesund geworden ist und
schwere Symptome einer Allgemeininfektion aufwies (er war erst am 23.12. bei
uns HIV-positiv getestet worden), habe ich dann mit den uns verfügbaren Mitteln
eine Antibiotikatherapie begonnen. Als ich ihn am Montag wiedergesehen habe,
ging es ihm eigentlich noch ein bisschen schlechter, so dass ich ihn mit einem
Einweisungsschreiben in´s Parys Hospital geschickt habe. Von dort kam er dann
nach etwa 2 Stunden zurück. Man hatte ihm gesagt, dass er zunächst erstmal die
von mir verordneten Tabletten (Amoclan = Amoxicyllin und Clavulansäure) zu Ende
nehmen müsse, bevor man etwas für ihn tun könne, da ja schließlich erstmal
abgewartet werden müsse, ob diese Behandlung nicht schon ausreichend sei. Obwohl ich ja diesbezüglich hier schon
einiges erlebt habe, hat mich das schon ein bisschen umgehauen. Mir blieb dann
nichts anderes übrig, als ihn nach einer Infusion (1 l Glucose 5%, was anderes
steht uns nicht zur Verfügung) nach Hause zu schicken mit dem Versprechen,
heute bei ihm vorbeizukommen. Es ging ihm dann heute auch schon etwas besser,
er kann essen und trinken und macht auch einen etwas muntereren Eindruck. Der
Kreislauf ist jetzt auch wieder in Ordnung, so dass wir wohl bei der ambulanten
Sepsisbehandlung bleiben können (weil wir müssen).
So, aber morgen habe ich erstmal Urlaub. Mein
Zwillingsbruder besucht mich hier, und wir werden Sylvester im
Krüger-Nationalpark verbringen. Da ich dort nicht online sein werde, schon mal
hier und jetzt einen Guten Rutsch und ein erfolgreiches Jahr 2011. Ich werde
weiter an dieser Stelle berichten, was es Neues gibt.

Sonntag, 19. Dezember 2010
4. Adventssonntag
Die letzte Woche in der Clinic war etwas entspannter, da in
Südafrika am 16. Dezember Feiertag ist („Reconciliation Day – Tag der
Aussöhnung zwischen Ureinwohnern und Einwanderern) und danach dann allgemein
Betriebsruhe angesagt ist. So wurde mir von unserem Apotheker hier in Parys,
der uns mit den antiretroviralen Medikamenten für die nicht von der
südafrikanischen Bischofskonferenz versorgten Patienten (inzwischen so um die
200) versorgt, mitgeteilt, dass es zwischen dem 16.12.2010 und dem 16.01.2011
keine Belieferungen durch die Pharmafirmen gibt. Da kann man natürlich auch Überlegungen
anstellen, warum Südafrika immer noch Entwicklungsland ist. Nachdem aber klar
geworden ist, dass wir mit den insgesamt 150 noch bestellten Medikamentenrationen
(es sind immer Monatsrationen dreier verschiedener Medikamente) wohl auch nicht
bis Mitte Januar hinkommen werden (ich hatte alleine am vergangenen Freitag 10
Patienten, die dringend behandelt werden müssen), habe ich ihn noch mal
gefragt, ob das wirklich ernst ist. Er hat mir geantwortet, dass sich da schon
ein Weg finden wird. Man darf also wieder mal gespannt sein.
Ansonsten hat Südafrika im Moment ein Hochwasserproblem, da
es in der letzten Zeit aussergewöhnlich viel geregnet hat.. In der Provinz
Western Cape herrscht Hochwasseralarm. Auch der durch Parys fließende Vaal
river ist zur Zeit ziemlich gut gefüllt. Aber Gefahr besteht hier momentan wohl
nicht, auch wenn meine Bilder davon etwas anderes auszusagen scheinen.
Ich habe heute eine ziemlich ausgedehnte Fahrradtour
unternommen – von Parys über die Vaal-Brücke in Schoemannsdrif nach Vredefort.
Habe mich dabei wohl etwas übernommen – 100 km, davon 60 km Feldweg waren wohl
doch etwas zuviel. Nachdem ich 2/3 der
Strecke zurückgelegt hatte, habe ich mich von Gordon und Carsten mit dem
Landrover abholen lassen. Hatte einfach zu wenig Wasser (2l) mitgenommen,
aussserdem ging es nach dem Überqueren des Vaal in Schoemannsdrif fast nur noch
straight bergauf. Werde das nächste mal mehr Zeit einplanen und mindestens 5l
Wasser mitnehmen.

Sonntag, 12. Dezember 2010
Es hat wieder ein bisschen gedauert, einen neuen Eintrag auf
die Reihe zu bekommen. Ich hatte mich ja schon im letzten Eintrag beklagt, dass
ich iemlich viel zu tun habe. Daran hat sich auch nichts wirklich geändert.
Hinzu kam noch, dass ich am Donnerstag umziehen musste, weil mein Zimmer in der
Boomstreet 32 anderweitig gebraucht wird. Eigentlich war ja ein Haus angemietet
worden. Aber es ist wohl hier in Südafrika ein bisschen blauäugig, einen
Mietvertrag abzuschließen, noch bevor die Mietsache in einen bewohnbaren
Zustand versetzt ist. Natürlich hatten wir die Zusage, dass dies innerhalb von
2 Wochen geschehen würde. Aber passiert ist eigentlich gar nichts – der das
Haus umgebende Rasen ist zwar gemäht worden, und es hat dann wohl auch schon mal
jemand einen Pinsel in Farbe getaucht. Aber die versprochene Renovierung der
Küche und der Neueinbau der Sanitäreinrichtungen ist irgendwie nicht so richtig
vorangekommen, weil der Klempner irgendwie verhindert war. Naja, immerhin
müssen wir bisher auch nichts bezahlen, und wenn wir jetzt selber eine Klempner
auftreiben, kriegen wir vielleicht auch noch eine Mitpreisminderung.
Ich wohne jetzt jedenfalls in Mr. Dimapes Kwa-KaiKai-Lodge,
eine ganz hübsche Ferienanlage am Rande von Parys, die in den letzten Monaten
mit Hilfe der Thabang Society soweit in Schuß gebracht worden ist, dass
ein Hotel- und Restaurantbetrieb möglich
ist. Habe hier auch eine ganz hübsche „Hütte“ abbekommen. Ein paar Nachteile
hat es für mich schon – so hat sich mein Arbeitsweg um ca. 3km verlängert, die
ich also jetzt zusätzlich zu den bisherigen 6km jeden tag hin und zurück auf
dem Fahrrad zu bewältigen habe. Ausserdem gibt es weder Telefon- noch
Internetanschluß, womit ich eine weitere Entschuldigung für meine nachlässige
Tagebuchführung parat habe. Nun ja.
In der Klinik habe ich in der letzten WEoche vor allem darum
gekämpft, die antiretroviralen Medikamente für die Patienten heranzubekommen,
die wir jetzt zusätzlich zu den von der südafrikaniachen katholischen
Bischofskonferenz ( south african catholic bishop´s conference SACBC) genehmigten
behandeln. Obwohl ja das Geld dafür (zumindest für die nächsten Monate)
vorhanden ist und wir auch eine Vereinbarung mit einer in Parys ansässigen
Apotheke über die Belieferung getroffen haben, hat sich das als nicht wirklich
einfach erwiesen, da die Herstellerfirma plötzlich „out of stock“ war, also
nicht liefern konnte. Erst als ich nach vielem hin und her dann vorgeschlagen
habe, das Medikament mit dem benötigten Wirkstoff (die meisten hier gebräuchlichen
antiretroviralen Medikamente sind inzwischen Generika) von einer anderen Firma
zu beziehen, kam Bewegung in die Sache. Von selbst ist die Apotheke irgendwie
nicht auf diese Idee gekommen.
Vorgestern hatte ich dann auch noch ein ganz interessantes
Erlebnis. Es hing mit dem hier traditionell üblichen Initiationsritual für
Heranwachsende zusammen. Dabei geht es darum, dass sich junge Männer im Alter
wischen 16 und 20 Jahren um den Jahreswechsel herum einer Prozedur unterziehen,
die im wesentlichen daraus besteht, daß sie in Gruppen von etwa 20 Leuten in
den Busch ziehen, dort eine primitive Unterkunft, bestehend aus einem mit
Decken behängten Holzgerüst errichten und etwa 4 Wochen auf sich selbst
angewiesen in der Wildnis verbringen. Der "Busch" ist in diesem
Fall ein an Tumahole grenzendes, einige Hektar umfassendes Brachland, das wohl
den Leitern bzw. Inhabern der Schulen oder auch der schwarzen Community gehört
und wo man also ungestört seine Traditionen pflegen kann. Eine wesentliche
Übung ist dabei das Trainieren und Ausüben des Stockkampfes, bei dem man
mit ziemlich robusten Holzknüppeln aufeinander einschlägt. Ansonsten wird viel
(die Nächte durch) gesungen und getanzt. Mit von der Partie ist auch ein
Lehrer, der das Ganze anleitet und auch die Aufsicht führt.
Und ein zentraler Inhalt des Initiationsritus ist die
Zirkumzision, die wohl unter ziemlich archaischen Bedingungen vorgenommen
wird. Und das ist dann auch der Grund, warum wir (unser Fahrer Jafta und
ich) damit zu tun bekommen haben. Jafta ist von dem Leiter (und /
oder Eigentümer) der hiesigen Schulen angesprochen und gebeten worden, bei
einigen der Teilnehmer einen HIV-Test durchzuführen. Immerhin hat es also die
Regierung inzwischen durchgesetzt, daß die von ihr aufgestellte Regel, daß
alle Teilnehmer am Initiationsritus getestet sein müssen, auch beachtet
wird. Der Hintergrund ist der, dass der urologische Eingriff unter
Nichtbeachtung selbst primitivster Hygienevorkehrungen vorgenommen wird und es
z.B. immer noch vorkommt, dass alle „Patienten“ mit demselben instrumentarium
bearbeitet werden, ohne dieses zwischendurch mal zu dekontaminieren. Wir hatten
in den vergangenen Wochen auch schon einen ziemlichen Ansturm auf unsere
Testkampagne in der Klinik aus genau demselben Grund. Nun ja, einige der
Anwärter haben es wohl nicht mehr geschafft, sich im Vorfeld testen zu lassen,
und wir sind nun gebeten worden, das nachzuholen. Für mich natürlich die
ziemlich einmalige Gelegenheit, überhaupt einmal in die Nähe eines solchen
Initiationsortes zu gelangen und der Teilnehmer daran ansichtig zu werden.
Normalerweise ist es nämlich völlig undenkbar, als Unbeteiligter (Weißer)
damit in Kontakt zu kommen, wenn man es trotzdem versucht, begibt man
sich durchaus in Lebensgefahr. Ich mußte mich natürlich auch an bestimmte
Regeln halten. Allzu nah durfte ich nicht herankommen,
die "Patienten" mußten sich zu einem etwa 200 m entfernt
stehenden Baum begeben, wo wir dann die Tests durchgeführt haben. Dieser Baum
durfte sich auch nicht hinter der Hütte befinden, da es verboten ist,
hinter das Haus zu gehen. Habe von da aus dann ein paar Fotos gemacht,
obwohl das natürlich auch streng verboten war. Die Jungs wirkten ziemlich
mitgenommen, bekleidet waren sie nur mit einem Hüftumhang (bei den meisten eine
ziemlich verdreckte Wolldecke) - Schuhwerk hatten sie keines an, so daß das
Laufen auf dem steinigen und mit hartem, teilweise dornigem Bewuchs versehenen
Untergrund ziemlich anstrengend aussah. Ich habe dann vor allem den Papierkram
erledigt - es mußten eine Menge Zettel ausgefüllt werden - Dokumentation ist
eben auch hier alles. Da es ziemlich windig war, so daß uns die Zettel ständig
um die Ohren flogen, haben wir es dann so gemacht, daß wir im Auto sitzen
geblieben sind und die Testkandidaten dann durch das geöffnete Seitenfenster
ihre Daten angegeben haben. War für mich natürlich auch spannend, ziemlich
fremdartig klingende Namen wie Teboho oder Ntlantlawe zu Papier zu bringen,
aber habe es glaube ich ganz gut hinbekommen. Der Test selbst fand dann im
Schatten des Baumes statt. Von den insgesamt 23 Getesteten war nur einer
postitiv, was wiederum bestätigt hat, daß es sich bei der überwiegenden
Mehrzahl der neu Infizierten um junge Frauen handelt - warum, kann man sich
dann auch leicht denken. Insgesamt alles ziemlich spannend und natürlich auch
gut, mal aus der Clinic rauszukommen. 
Montag, 29. November 2010
Den 1.
Adventssonntag bei 30° im Schatten zu verbringen ist schon etwas eigenartig.
Weihnachtsstimmung kommt irgendwie nicht auf. Da muß es eben mal ohne gehen.
An der
Clinic ist ziemlich viel zu tun, und zur Zeit (seit 22.11.) bin ich auch der
einzige Arzt hier, da meine Kollegin (bzw. Chefin) in Deutschland auf
Spendensammeltour ist. Naja, immerhin bin ich soweit eingearbeitet, daß es
läuft. Ausserdem steht mir ja unsere Sister Laurette zur Seite, eine weiße
südafrikanische Krankenschwester, die von Anfang an bei der Thabang Society
dabei ist. Sie ist am letzten Donnerstag 69 Jahre alt geworden, aber immer noch
mit ganzem Herzen dabei und eigentlich aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung
und ihrer vielen persönlichen Kontakte zum Personal der umgebenden
Gesundheitseinrichtungen unersetzbar. Aber sie wird leider im Januar ihren
Abschied nehmen, und Ersatz ist bisher noch nicht in Aussicht.
Der
Patientenstrom reißt jedenfalls nicht ab, und es kommen auch immer wieder neue
Patienten (im Durchschnitt 1 - 2 /Tag), die dringend mit den
Anti-AIDS-Medikamenten behandelt werden müssen. Das Problem ist halt, daß das
zur Zeit vorhandene Geld für alle neuen Patienten höchstens noch bis Ende
Januar reicht, so daß wir nur hoffen können, daß unsere (vor)weihnachtliche
Spendensammelaktion in Deutschland was einbringt.

In den
letzten Tagen bin ich auch einige Strecken mit dem Auto selbst gefahren. Zum
hier üblichen Linksverkehr kommen noch einige abweichende Vorfahrtsregeln
hinzu, an die man sich auch erstmal gewöhnen muß. Handelt es sich um Haupt- und
Nebenstraße, so ist die Nebenstraße mit Stopschildern ausgestattet, die
Hauptstraße ist daran zu erkennen, daß kein Schild aufgestellt ist. Bei
gleichberechtigten Straßen stehen an der Kreuzung 4 Stopschilder, also an jeder
Ecke eines, und es gilt die Regel, daß der zuerst fahren darf, der zuerst da
ist. Das heißt, man muß sich langsam der Kreuzung nähern, hält kurz an und
fährt dann weiter, wenn alle, die vor einem selbst an der Kreuzung angehalten
haben, gefahren sind. Dabei ist es unerheblich, ob geradeausgefahren oder
abgebogen wird. Eine abbiegende
Hauptstraße habe ich bis jetzt hier noch nicht gesehen, da würde dieses System
wohl an seine Grenzen stoßen. Vorteilhaft ist dabei, dass, wenn sich an einer
Kreuzung Fahrzeugschlangen gebildet haben, reihum losgefahren wird. Dadurch
kommt es nicht zur in entwickelten Ländern oft zu beobachtenden schreienden
Ungerechtigkeit, dass die Benutzer der Hauptstraße gemütlich hintereinander her
fahren können, während die Benutzer der Nebenstraße in die Röhre glotzen. Glücklicherweise ist der Verkehr hier im eher
ländlichen Paris relativ dünn, so dass zumindest bis jetzt immer noch genügend
Platz war, Gefahren auszuweichen.
Am Sonntag
war ich mal wieder mit dem Fahrrad unterwegs, es waren zwar nur insgesamt 52
km, aber die Route, die die townchips von Parys (Tumahole) und Vredefort (Mokwallo)
verbindet, war dann doch nur gravel road, also Feldweg und teilweise eine
ziemlich waschbrettmäßige Buckelpiste. Außer Rindvieh waren auch wieder einige
Strauße zu bewundern, die hier wohl zu Verzehrzwecken gezüchtet werden.
Donnerstag, 18. November 2010
So, es ist wohl an der Zeit, mich wieder mal zu melden.
In der Klinik ist zur Zeit ziemlich viel los, gestern bis um
19:30 Uhr Blutabnahmen, Krankenhauseinweisungen, Gespräche mit Patienten und
Angehörigen. Dabei auch immer wieder ziemlich atemberaubende Sachen. Zum
Beispiel eine 25jährige Patientin, die an AIDS erkrankt ist und vorige Woche 3
Tage wegen einer Meningitis (Kryptokokkenmeningitis) im Krankenhaus lag. 5 Tage
nach dieser „blutigen“ Entlassung hatte sie wieder so heftige Beschwerden, dass
ich versucht habe, sie erneut in´s Krankenhaus einzuweisen – aber ohne Erfolg:
der Krankentransport hat sie zwar dorthin gebracht, aber nach 2 Schmerzspritzen
ist sie wieder nach Hause geschickt worden.
Oder ein 2jähriger an AIDS erkrankter Knabe, dessen Mutter
an AIDS gestorben ist. Der Aufenthaltsort des Vaters ist nicht bekannt, das
Kind lebt bei seinen Großeltern. Das Problem dabei ist, dass die Großmutter
Alkoholikerin ist und der Großvater die Therapie ablehnt, da es dem Kind ja gut
gehe und es demzufolge keine Tabletten brauche.
Und das sind nur zwei Schicksale in einem townchip mit
150000 Einwohnern, von denen schätzungsweise 60000 HIV-infiziert sind.
Am letzten Wochenende haben wir einen Ausflug in das relativ
nahe gelegene Naturreservat Pilanesberg gemacht. Es befindet sich ca. 250 km
von Parys entfernt am Fuß eines erloschenen Vulkans. In den 1970er Jahren
wurden etwa 7000 Tiere aus anderen afrikanischen Nationalparks umgesiedelt, so
dass jetzt in dem ca. 55000 m² großen Park ziemliches Gedränge herrscht. Neben
zahllosen Antilopen, Zebras und Warzenschweinen waren Elefanten, Flusspferde, Krokodile
und Nashörner zu besichtigen.
    
Auch die Fahrt dorthin war nicht unspannend, da wir uns
erstmal gründlich verfahren hatten und uns dann gegen 21:00 Uhr abends der
etwas altersschwache VW-Bus, mit dem wir unterwegs waren, auf einer relativ
viel befahrenen Landstraße einfach stehen blieb. Bei den Versuchen, den
richtigen Weg zu finden, hatten wir wohl die Tankfüllstandsanzeige aus den
Augen verloren. Nun ist so etwas ja auch zu Hause in Deutschland eine relativ
unangenehme Sache – wenn es auf der Autobahn passiert, muß man sogar Strafe
zahlen. Hier ist so etwas mitten auf dem land aber richtiggehend unangenehm.
Die Lösung bestand dann darin, dass Gordon, unser Fahrer, sich in Richtung
eines am Horizont sichtbaren Lichtscheins auf den Weg gemacht hat, um Sprit zu
besorgen. Da nicht sicher war, wie lange es dauern würde, da auch in Afrika
nicht jeder Lichtschein bei Nacht von einer Tankstelle herrührt, haben wir die
Warnblinkanlage ausgemacht, um nicht auch noch mit leerer Batterie dazustehen.
Um wenigstens noch ein bisschen gesehen zu werden, habe ich dann eine brennende
Taschenlampe in das Rückfenster gestellt. Nach ca. 2 Stunden ist dann plötzlich
ein Abschleppwagen aufgetaucht, dessen Fahrer uns angeboten hat, uns zur
nächsten Tankstelle abzuschleppen. Ich habe höflich abgelehnt, ihm aber
erklärt, dass my friend irgendwo zwischen uns und der nächsten Tankstelle zu
Fuß unterwegs sein müsste, um petrol zu holen. Daraufhin hat dann der Fahrer
des Abschleppwagens versprochen, ihn zur nächsten Tankstelle mitzunehmen, falls
er ihn treffen würde. Etwa 1 Stunde kam Gordon dann mit etwa 3 Litern Benzin
(in zwei Colaflaschen) zurück.. Er erzählte dann, dass ihn nach etwa 10 km
Fußmarsch tatsächlich der Abschleppwagen, der bei uns war, aufgelesen hat und
ihn bis zur etwa weitere 10 km entfernten Tankstelle mitgenommen hat. Mit dem
Sprit haben wir es dann bis etwa 2 km vor die Tankstelle geschafft – nach einem
erneuten Spaziergang konnten wir dann die Fahrt gegen 1 Uhr fortsetzen. Die
letzte Herausforderung war dann, um 4 Uhr bei ziemlicher Dunkelheit ein uns
allen unbekanntes Zelt auf dem zu Pilanesberg gehörenden Zeltplatz
aufzuschlagen, ohne durch übermäßigen Lärm den Zorn der anderen Camper auf uns
zu ziehen. Wir haben dann jedenfalls trotz der bald einsetzenden Hitze (gegen 6
Uhr geht hier zur Zeit die Sonne auf) ganz gut um 10 geschlafen.
Mittwoch, 10. November 2010
Novemberwetter in Afrika
Nachdem es in den letzten beiden Wochen immer wieder mal
kurze, teilweise auch heftige Regenschauern hier gegeben hat, die aber sofort
wieder verdunstet sind, regnet es seit Mitte der vergangenen Nacht
ununterbrochen ziemlich heftig. Die
Temperatur ist auch ziemlich runtergegangen auf jetzt tagsüber etwa 15 – 20° C
(59 – 68°F), und es kommt richtige Novemberstimmung auf. In der Klinik ist
jetzt nicht allzu viel los, da man bei solchem Mistwetter hier wohl auch lieber
zu Hause bleibt. Viele werden wohl auch damit beschäftigt sein, die Dächer
ihrer Behausungen abzudichten oder das eingedrungene Wasser zu beseitigen.
Leider konnte ich aufgrund des Wetters heute auch nicht mit
dem Fahrrad „auf Arbeit“ fahren. Das Wasser von oben hätte mich zwar weniger
gestört, aber da wir beim Fahrradkauf in der Annahme, dass es ohnehin nie
regnen würde, auf die zusätzliche Anschaffung von Schutzblechen verzichtet
haben, hätte das Zurücklegen der 6 km bis zur Klinik wohl ein hübsches
erdbraunes Muster auf Oberbekleidung und freiliegenden Hautpartien zur Folge
gehabt.
In der letzten Woche hatten wir Besuch aus Deutschland –
eine 6-köpfige Besuchergruppe war auf Vermittlung einer kirchliche Organisation
im townchip zu Gast. Allerdings nicht so wie man sich das üblicherweise
vorstellt – also tagsüber Elendsbesichtigung und abends dann in´s klimatisierte
Hotel – sondern sie waren zu Gast bei einigen unserer Mitarbeiter hier im
townchip mit Wellblechhütte und outdoor-Wasserhahn. Das war dann wohl auch ziemlich
beeindruckend.
Ansonsten war weiterhin reichlich zu tun. Mittwoch standen
85 Patienten im Kalender zur Blutentnahme. Gekommen sind dann aber bloß etwa
die Hälfte; die anderen hatten sich wohl im Wochentag geirrt und kamen dann am
Donnerstag, so dass wir bis zur Abholung der Blutproben gegen 04:00 Uhr
nachmittags (unser Labor befindet sich in Johannesburg, das Blut wird von Sky
Net worldwide services, dem südafrikanischen united parcel service,
transportiert) noch nicht alle angezapft hatten und der Fahrer am Freitag noch
mal wiederkommen musste, was aber dann auch kein Problem war.
Am Freitag ist dann Joseph, einer unserer Patienten, der
über zwei Wochen täglich bei uns war, um eine Infusion zu bekommen, 30 Jahre
alt geworden. Nachdem ich unsere Sister darauf aufmerksam gemacht hatte, ist er
von allen Mitarbeitern mit einem gemeinsam im Chor gesungenen Lied
beglückwünscht worden. Weil es ihm leider wieder sehr viel schlechter ging, musste ich ihn am Freitag n
och in´s Hospital einweisen, wo man ihn immerhin aufgenommen hat und wo er am
Montag früh dann verstorben ist.
Am letzten Wochenende habe ich mich dann mit dem Fahrrad noch
mal nach Potchefstrom aufgemacht. Etwas ungewohnt war es für mich, mich nach 2
Stunden Fahrradfahren bei ungefähr 30° und Sonnenschein in einer weihnachtlich
dekorierten shopping mall wiederzufinden.

Montag, 1. November 2010
In der vergangenen Woche hat sich in der Clinic alles darum gedreht, daß wir für die Patienten, die die von der Bischofskonferenz genehmigt Zahl von 500 übersteigen, Möglichkeiten zur Finanzierung der antiretroviralen Therapie zu finden. Almud war deswegen viel unterwegs und hat es immerhin geschafft, dass wir von der Apotheke, die uns mit diesen Medikamenten beliefert, zusätzliche 70 Monatsrationen gratis bekommen haben. Ausserdem haben wir eine Zuwendung von action medeor über etwa 8000 € erhalten, was bei monatlichen Kosten von umgerechnet etwa 25 € die Behandlung weiterer 80 Patienten über 4 Monate ermöglicht. Damit können wir jetzt zumindest die Patienten der lebensnotwendigen Therapie zuführen, bei denen es am dringendsten ist. Das sind dann die Patienten, bei denen wir anhand der Laborwerte (Anzahl der T4-Helferzellen) den fast völligen Zusammenbruch der körpereigenen Immunabwehr nachweisen können und die schwerwiegende Symptome der AIDS-Erkrankung aufweisen.
Das Problem ist aber weiterhin, dass im Schnitt täglich ein bis zwei Patienten zu uns kommen, bei denen wir aktuell diese Befunde erheben, d.h., die neu auf unsere Warteliste kommen. Heute ist zum Beispiel ein 11jähriger Junge bei uns gewesen, der über Durchfall und Nasenbluten (als Ausdruck einer durch AIDS verursachten Gerinnungsstörung) klagte. Die Anzahl der T4-Helferzellen liegt bei etwa 2 % des in diesem Alter normalen Wertes. Er ist natürlich sofort auf unsere Liste gekommen, d.h., er wird noch diese Woche die antiretroviralen Medikamente erhalten. Vorher muß er noch zusammen mit seiner Großmutter, die nach dem (AIDS-)Tod seiner Mutter und bei Abwesenheit des Vaters für ihn verantwortlich ist, an der Patientenschulung („drug readiness training DRT“) teilnehmen, damit beide die grundlegenden Informationen darüber haben, worauf es bei der Behandlung ankommt und welche Nebenwirkungen zu erwarten sind. Insgesamt war er bisher wenig beeinträchtigt, er geht zur Schule und ist heute eigentlich nur wegen des Nasenblutens gekommen. Jetzt ist seine Therapie ja erstmal für die nächsten 3 – 4 Monate finanziert, und wie es dann weitergeht, werden wir sehen (müssen).
Aber es gibt auch Erfreuliches. So war heute zum Beispiel die kleine Madelina mit ihrer Großmutter wieder bei uns, der es vor zwei Wochen so schlecht ging. Sie hat sich unter Antibiotikatherapie sehr gut stabilisiert und kann jetzt auch mit der ARV-Therapie beginnen.

Ja, und ich habe es am Sonntag geschafft, mit dem Fahrrad in die Nachbarstadt Potchefstroom und wieder zurück zu fahren (immerhin eine Strecke von etwa 50 km). Habe dabei viel Sonne und auch etwas Regen abbekommen, etwa 5 l (Alkoholfreies) getrunken und bin (ohne Licht am Fahrrad) kurz vor Einbruch der Dunkelheit wieder zu hause gewesen.
Sonntag, 24. Oktober 2010
Was diese Woche passiert ist:
Am Dienstag und Mittwoch bin ich überraschend auf Einladung
und Kosten von Lilly pharma mit Almud zu einer Ärztefortbildung in
Bloomfontain, der Provinzhauptstadt von Freestate, gewesen. Es ging um
Tuberkulosebehandlung nach den neuen Richtlinien des Health Department. Für
mich war natürlich in erster Linie interessant, wie so etwas hier abläuft. Es
waren etwa 30 Kollegen anwesend, die Hälfte davon general practitioner, also
Allgemeinmediziner. Gehalten wurde die Fortbildung von einer
schwarzafrikanischen Kollegin, deren Anliegen es hauptsächlich war, auch die
Ärzte in das Anti-Tuberkuloseprogramm der Regierung einzubeziehen. Eine der
Kernaussagen am Beginn war, dass die Dinge bisher relativ unkompliziert waren
und im Wesentlichen in der Hand der „nurses“ (Ambulanzschwestern) lagen, dass
sich aber jetzt aufgrund der immer noch hohen Infektionsraten und
Resistenzentwicklungen die Dinge kompliziert haben und sich in Zukunft auch die
„doctors“ beteiligen sollten. Immerhin handelt es sich ja um die häufigste
opportunistische Infektion und auch die häufigste Todesursache bei
AIDS-Patienten.
Am Mittwoch haben wir dann noch eine shopping mall in
Bloomfontain aufgesucht – es wirkt alles ein bisschen rustikaler als in
Deutschland, aber zu kaufen gibt es eigentlich (bis auf Papiertaschentücher,
die sind hier wohl noch nicht erfunden) alles. Der wesentliche Unterschied zur
Galeria Kaufhof in Dresden besteht eigentlich darin, dass einem auf Schritt und
Tritt security-Personal über den Weg läuft und dass der ganze Komplex von einem
2 m hohen Eisenzaun umgeben ist. Wenn man sich die Verhältnisse in den
townchips vor Augen führt, ist das wohl auch nötig, und immerhin entsteht
dadurch ja auch eine hohe Zahl an Jobs (die meisten der Security-Leute sind Schwarze).
Am Sonnabend habe ich mir dann eine etwas länger Fahrradtour
angetan. Nach 20 km bin ich umgekehrt, es war ziemlich windig, und kurz nachdem
ich wieder zurück war, hat es dann auch zu regnen angefangen.
Das hat mich aber nicht daran gehindert, die gleiche Strecke
heute noch mal zu fahren. Der Regen ist wohl doch nicht so wirklich ergiebig
gewesen, es sieht jedenfalls alles noch ungefähr genauso vertrocknet aus wie
gestern. Aber immerhin bin ich eines Steaußenpaares ansichtig geworden, und
damit mir alle glauben, das ich wirklich in Afrika bin, gibt es hier auch ein
Bikd von den Beiden:
Mittwoch, 20. Oktober 2010
So, die ersten zwei Wochen für mich sind jetzt rum, Zeit,
wieder mal etwas von mir hören (lesen) zu lassen.
Am Montag haben wir erfahren, dass einer der beiden
kritischen Patienten von letzter Woche zu Hause verstorben ist. Dem anderen
ging es am Montag etwas besser, er kam dann die Woche über jeden Tag, hat in
unserem drip-room eine Infusion und etwas zu essen bekommen und wurde dann von
Japhta, unserem Paramedic, in unserem klinikeigenen Krankentransportwagen (ein
VW Jetta) wieder nach Hause gebracht.
Am Mittwoch und Donnerstag habe ich jeweils etwa 30
Blutentnahmen durchgeführt. Bei ungefähr ¾ der Patienten waren das Kontrollen
des CD4-Wertes (Anzahl der T4-Helferzelllen) und der Viruslast (Anzahl der
HI-Viren / ml Blut) zur Beurteilung der
Wirksamkeit der antiretroviralen Therapie (ART). Die restlichen Blutentnahmen
haben wir bei Patienten durchgeführt, die bei der ebenfalls durch uns
durchgeführten Testkampagne im Streifentest HIV-positiv gewesen sind.
Am Donnerstag kam ein 13-jähriges Mädchen mit ihrer
vierjährigen Schwester, die seit einigen Tagen an Brechdurchfall litt und kaum
noch Nahrung und Flüssigkeit zu sich genommen hat. Sie ist HIV-positiv – der
Allgemeinzustand und die Symptome deuten darauf hin, dass AIDS jetzt bei ihr ausgebrochen
ist. Die große Schwester hat uns dann unter Tränen erzählt, dass sie die
Einzige ist, die sich um ihre Schwester kümmern kann, da die Eltern gestorben
sind und die 83jährige Großmutter, mit der sie zusammenleben, eigentlich auch
eher hilfsbedürftig ist. Ihren Lebensunterhalt bestreiten die drei aus Beihilfe
und Waisenrente, was sich insgesamt auf etwa 1200 Rand (120€) beläuft.
Am Sonnabend war ich dann das erste Mal mit dem Fahrrad
unterwegs. Wir haben eine kleine Fahrradtour den Vaal (das ist die hiesige
Elbe) entlang gemacht. Krokodile haben wir keine gesehen, nur ein paar
Einheimische, denen es offensichtlich Freude bereitet hat, sich mit Farbbällen
zu beschießen. Nach etwa 15 km bin ich dann umgekehrt – die Sonne und die
Höhenluft (wir sind hier ja immerhin auf 1400m) haben mir etwas zugesetzt, ich
werde mich wohl auch noch ein bisschen akklimatisieren müssen.

Sonntag, 10. Oktober 2010
Die ersten 3 Tage in der Klinik haben mich erwartungsgemäß
überfahren. 
Eigentlich ist alles so, wie man es sich vorstellt, und doch
ist es unvorstellbar:
Die Klinik platzt aus allen Nähten. Als der „Betrieb“ hier
vor 2 Jahren (Oktober 2008) losging, waren etwa 500 HIV-infizierte Patienten
eingeplant. Jetzt sind es 1300 (550 davon werden antiretroviral behandelt und
750 klinisch und laborchemisch überwacht). Das ganze findet in sehr beengten
Verhältnissen statt – Blutentnahmen und teilweise auch Konsultationen /
Untersuchungen finden in einem kleinen Durchgangszimmer statt.
Für eine Thoraxröntgenaufnahme (bei TBC-Verdacht ja durchaus
angebracht) muß ein Überweisungsbrief an das staatliche Krankenhaus in Parys
geschrieben werden. Dabei reicht allein der TBC-Verdacht als Begründung nicht
aus, es muß schon noch etwas wie „kein Sputum zu gewinnen“ oder „besonders
schlechter Allgemeinzustand“ hinzukommen.
Die Mehrzahl der Patienten ist < 40 Jahre, davon etwa 10%
Kinder.
Zwei der Patienten, die ich am Donnerstag gesehen habe,
waren in extrem schlechten Zustand, nach europäischen Maßstäben eigentlich
intensivtherapiepflichtig. Bei beiden ist aus nicht ganz nachvollziehbaren
Gründen die antiretrovirale Therapie unterbrochen worden. Wir haben die erneute
ARV-Therapie initiiert, ihnen Glucoselösung infundiert und sie dann wieder von
ihren Angehörigen nach Hause bringen lassen in der Hoffnung, sie am Montag
wiederzusehen.
Gestern waren wir dann in Potchefstrom (etwa 50 km von
hier), haben Fahrräder gekauft. Meins musste aber erst bestellt werden, so dass
mir 50 km Radfahren bei > 30° (ohne Schatten) erspart geblieben sind. Am Mittwoch kann ich es dann
abholen, vielleicht ist es da ja nicht ganz so heiß.
Mittwoch, 6. Oktober 2010
So, jetzt bin ich also in Afrika. Und an´s Internet bin ich
auch angeschlossen. Die Anreise war ein bisschen anstrengend, waren ja auch
> 24 Stunden. Ausserdem macht so eine Boing ziemlichen Krach, so dass es mit
dem Ausschlafen letzte Nacht nicht wirklich geklappt hat.
Auf der Fahrt von Johannesburg nach Parys / Tumahole (den
größten Teil der Strecke auf einer 4-spurigen Autobahn) habe ich mir dann einen
ersten Eindruck vom Land verschafft; sieht im Moment ziemlich kalaharimäßig
aus, weil es im Gegensatz zu Deutschland hier in den letzten 7 Monaten nicht
geregnet hat.
Der Empfang in Tumahole war sehr freundlich; ich wurde wohl
auch schon erwartet.
Natürlich hat das Therapiezentrum („die Klinik“) wegen mir
heute keine Pause gemacht, so konnte ich mir gleich ein Bild vom laufenden
Betrieb machen. Wirkt ein bisschen chaotisch, aber jeder weiß, was er zu tun
hat, und ich ja sicherlich auch bald.
Dann werde ich mal jetzt in´s Bett gehen.
Freitag, 24. September 2010
Wie ich allen, von denen ich mich in den letzten Wochen verabschiedet habe, fest versprochen habe, wird es ein online-Tagebuch von mir geben.
Die Spannung steigt natürlich nun unaufhaltsam; es sind ja gerade noch 10 Tage Zeit bis zum 5. Oktober. Ich werde mich melden, sobald ich in Parys bin und eine Verbindung zum www hergestellt habe.
Einstweilen auch von hier aus nochmal vielen Dank für all die guten Wünsche. Und zwei Abschiedsbilder. Bis bald also.
Mathias
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